Nastya Yarovaya (nastya_yarovaya) wrote,
Nastya Yarovaya
nastya_yarovaya

Zum Buch von Vitaly Dikson: „Wir lebten einmal… Beiläufige Prosa“.

Ein fast fairer Kommentar…
 „Wer? Bitte, sag mir wer? War es der Allmächtige selbst, der Dikson in die Versuchung der Buchstaben führte?“ Es würde mich jedenfalls nicht wundern, denn offensichtlich findet Vitaly Dikson, seit er von diesen „graphischen Kringeln“ gekostet hat, immer wieder eine passende Verwendung für sie. Und so…
Was mich betrifft ist die Sache klar – ich konnte die überdichte Schwere des letzten Dikson Romans „Die erlauchte Saison“ nicht bezwingen. Es ist für mich, wie bei Joyces Ulysseslektüre: man wackelt tiefsinnig mit dem Kopf, bläst kennerhaft die Backen auf, bloß um nicht gestehen zu müssen, nur die ersten fünfzig oder, seien wir großzügig,  hundert Seiten geschafft zu haben. Apropos, da fällt mir ein: Brodsky war der Meinung, kaum jemand hätte Ulysses ausgelesen, und darüber hinaus: manche Bücher müsse man nicht bis zum letzten Satz kennen, um sie wahr zu nehmen und zu verstehen.
Genau so ist es, glaube ich, gerade mit Dikson. Ob sein Buch verschlungen, überflogen oder nur durchgeblättert wird entscheidet der Leser selbst. Gleichzeitig spürt er aber sofort, dass von einem postmodernistischen „Mitspracherecht“ des Lesers hier keine Rede sein kann. Nicht mit Dikson. Er bietet keinen Postmodernismus und keine Mitautorschaft, er ist ganz und gar dixi: „Ich habe gesprochen“ – Punkt. Oder wie im Titel des neuen Buchs die Gedankenpunkte… „Wir lebten einmal…“ – mehrdeutig, unausgesprochen, nachdenklich. Zweifelt der Autor selbst an dieser Aussage?
Nein, tut er nicht. Aber er stellt auch nicht bloß fest. Er zeigt das Leben wie es ist: eine wilde Achterbahn,  mit all unseren Höhen und Tiefen, von unseren mühsamen Bergaufs, bis in die umso schnellere Bergabs. Doch der Leser wird nicht fallen gelassen, Diksons Buch gleicht einer Treppe: man steigt seine Geschichten - wie graphisch verschlüsselte Stufen - herauf und herab, man öffnet plötzlich fast vergessene Türe der eigenen Seele: zu den tief verborgenen Erinnerungen und zu den Höhen der Selbsterkenntnis, man wiederholt, frei nach Remarque, das Gelernte immer und immer wieder, um am Ende vor der Schwelle der Verwunderung stehen zu bleiben:  „Das war‘s?“ „ Ist denn alles gesagt?“ „Wir lebten einmal…“? Was soll das Oxymoron?  
Ganz einfach: WIR - tatsächlich wir und niemand anders - LEBTEN - oder noch leben- EINMAL - nur.  Ein zweites oder drittes bleibt uns verwehrt, und Doppelleben ist kein Zugewinn, sondern eine plumpe Metapher. Wir lebten, erlebten, überlebten, lebten auf… Absolut normal. Menschlich.
Die Formel lautet: „Durch den Staub zu den Sternen“  (Seneca) + „Durch den Dreck ins nirgendwo“ (Dikson) = Sic transit… Der Transsibirische Express von hier aus in die Ewigkeit. Halt des Zuges sowohl nach Aufforderung, als auch zuwider.

Anastassija  Jarovaja
04.10.2011, Irkutsk
 
Übersetzung:
Xenia A. Kulikova




Tags: Зябь, Посевы
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